MAKING OF DEUTSCHLAND 09

Ein Gespräch mit Tom Tykwer, Dirk Wilutzky und Verena Rahmig



Wo liegen die Ursprünge für dieses Projekt DEUTSCHLAND 09, wie ist die Idee entstanden?

Tykwer: Ich glaube, die Ursprungsstunde des Films liegt in einem Café in Berlin, wo ich mit Doris Heinze und Eric Friedler vom NDR zusammensaß, im Herbst 2007. Wir kamen unter anderem darauf, dass dieser Herbst eine Art bizarres Jubiläum darstellte, im Verhältnis zum „Deutschen Herbst 1977“. Wir sprachen darüber, dass es eigentlich erstaunlich ist, dass es keine filmische Thematisierung im Rückblick auf diese Zeit zu geben scheint. Und Eric Friedler stellte die Frage: „Was ist die heutige politische Situation, wie würde die sich ästhetisch verarbeiten lassen, in einem eher kaleidoskopischen Film?“ – wie es damals der Fall war, als „Deutschland im Herbst“ als Reaktion auf den Deutschen Herbst gemacht wurde und 1978 ins Kino kam. Diese Vorstellung hat mich nicht losgelassen: was für eine Gruppe sich in der jetzigen Generation zusammenfinden würde, um daraus eine Art von Filmkollektiv zu generieren. Natürlich hat diese Generation längst nicht so eine starke, emblematische Identität wie der neue deutsche Film in den 70er Jahren, aber ich erlebe seit längerem, dass eine gewisse Identität entstanden ist, wenn auch eine sehr viel disparatere.

Wie sahen die ersten Schritte zur Verwirklichung der Idee aus?

Tykwer: Die erste Frage, die sich stellte, war: Wie produziert man so etwas, wenn zehn, elf, zwölf oder wieviel auch immer Regisseure zusammen kommen, von denen die meisten eigene produktionelle Zusammenhänge haben? Die einzige Idee, die mir schlüssig erschien, war zu sagen: Wir müssen eine Firma gründen, die erst einmal diesen Film macht und für diesen Film da ist. Also erst einmal einen Ort zu finden, der sozusagen ohne Historie ist, der keine Geschichte hat. Dirk Wilutzky und ich hatten schon lange Pläne, etwas zusammen zu machen und zu produzieren, und Verena Rahmig und ich hatten schon viele gemeinsame Erfahrungen mit Projekten, die wir bei X–Filme betreut hatten. Und so kam es zu diesem Zusammenschluss.

Wann und wie haben Sie Regisseure auf das Projekt angesprochen?

Rahmig: Es gab ein erstes Regisseurstreffen im August 2007, zu dem wir einfach ein paar Regisseure angesprochen und eingeladen hatten. Wir haben uns erstmal ganz unverbindlich getroffen, um zu schauen, ob das überhaupt so funktioniert. Kommen diese Regisseure, sind sie an diesem Thema interessiert? Lassen sie sich auf dieses Experiment ein, sich zusammen an einen Tisch zu setzen und zu diskutieren? Wir waren im Ganzen vielleicht zehn Leute. Danach haben wir uns ungefähr einmal im Monat getroffen, in immer wieder neuen Runden. Einige Regisseure sind gegangen, die meisten sind geblieben. Es hat sich eher organisch entwickelt, wer dann da saß. Wir haben Vorschläge gemacht, die Regisseure auch, wir haben Leute angesprochen und wurden selbst angesprochen – und so wurden wir immer mehr.

Schon beim ersten Treffen hat sich herauskristallisiert, dass die Regisseure die Filme individuell drehen wollten. Das heißt, dass wir uns nicht auf zehn Themen einigen, die wir abhandeln, oder auf eine Aussage, die wir als Gruppe treffen – sondern es ging um sehr individuelle Blicke, die dann das bilden, was Tom eben Kaleidoskop genannt hat. Und am Ende würde es dann darum gehen, wie wir das alles zusammenfügen, wie das dramaturgisch funktioniert, wie am Ende das beste Miteinander dieser kurzen Filme entstehen kann.

Wilutzky: Es wurde sehr schnell klar, dass dies kein Gruppenfilm wird, bei dem die Filmemacher sich auf ein Thema oder eine politische Botschaft einigen und das dann abarbeiten wie an einer Filmschule. Es war uns von Anfang an das Wichtigste, dass jeder Filmemacher eine ihm wirklich bedeutsame künstlerische Aussage formuliert und in der Montage dieser sehr persönlichen Beiträge eine vielstimmmige, differenzierte und vielleicht auch überraschende Aussage über Deutschland heute entsteht.

Was waren die Diskussionspunkte mit den Regisseuren in dieser frühen Phase der Entwicklung?

Tykwer: In den ersten Treffen ging es wesentlich erst einmal darum, sich thematisch gegenseitig abzutasten. Das waren mehr oder weniger inhaltliche Auseinandersetzungen – natürlich immer mit der Frage, ob es tatsächlich einen Film hinter der Idee gibt oder ob das nur eine etwas wirre Vorstellung davon ist, ausgerechnet jetzt einen Film zu machen, der eine bestimmte Art von Quersumme zur deutschen Gegenwart formulieren soll. Die klarste Abgrenzung bestand natürlich darin, dass in den siebziger Jahren der Ausgangspunkt von „Deutschland im Herbst“ eine klar fokussierte Thematik hatte – die gespaltene Republik, die sich in zwei Gruppen aufteilte, die radikal voneinander getrennt waren. Da gab es zwei beinahe simultan stattfindende Beerdigungen, die diese beiden einander gegenüber stehenden Gruppen sozusagen repräsentierten – nämlich die von Schleyer und die von Baader, Ensslin und Raspe – und die Filmemacher sind damals erstmal hingegangen und haben diese beiden Beerdigungen gefilmt. Und aus diesem Komplex wurden alle Subaspekte generiert. Das ist heute nicht der Punkt. Es gibt natürlich ein paar sehr markante Überschriften, die uns im Augenblick beschäftigen. Aber im Gespräch wurde immer wieder klar, dass es zwar irgendwie ein Bedürfnis gibt, dieses eine Thema zu finden. Aber für uns alle wurde auch immer deutlicher, dass der repräsentative oder der gegenwartsbezogene Aspekt des Films gerade darin liegt, dass es diesen einen eindeutig identitätsstiftenden und spezifizierbaren Reibungspunkt nicht mehr gibt. Sondern dass es ganz viele solcher Punkte gibt. Und diese Lage spiegelt das Projekt eigentlich ganz gut wider: Dass wir mit einer Zuordnung zu dem Land, einem Heimatbezug und einer politischen Identität sehr viel größere Schwierigkeiten haben, weil die Antagonismen sich übereinander gelegt haben.

Hat der Begriff der „Generation“ eine Rolle beim Zusammenfinden der Regisseure gespielt?

Wilutzky: Es gibt heute ja in der Soziologie geradezu eine Inflation der Generationsbegriffe, offensichtlich werden selbst die immer individueller… Uns haben vor allem die individuellen Stimmen und die Charaktere der Filmemacher interessiert. Generationsbegriffe haben bei unseren Überlegungen keine Rolle gespielt.

Tykwer: Das muss man wirklich ganz klar sagen: Ein wichtiger Ansatz war, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Gruppe zu gründen, sondern die Gruppe „sich finden zu lassen“. Keine Vereinssatzung. Keine Eintrittsregeln. Es war ein ziemlich langer Prozess, in dessen Verlauf immer wieder Vorschläge kamen, an die noch keiner gedacht hatte. Und diese Leute hat man dann eingeladen, das hat sich eher so ergeben. Ich hatte nie das Gefühl, dass uns das interessiert, eine bestimmte Generation zu repräsentieren. Grundsätzlich war die Leitlinie eine inhaltliche. Und die Generation, die da jetzt steht, ist eben eine zwischen Mitte Dreißig und Mitte Fünfzig.

Die einzelnen Projekte sind sehr heterogen, worin gerade auch das Spannende liegt. Haben Sie bestimmte Regisseure angesprochen, weil sie mit ihren Filmen eine bestimmte Form vertreten?

Wilutzky: Diese Gedanken haben vielleicht unbewusst eine Rolle in der Zusammenstellung des Films gespielt. Aber wir haben nicht gesagt: „Da fehlt uns jetzt noch der poetische Kurzfilm oder der essayistische...“ Die Auswahl kam eigentlich sehr assoziativ zustande, aus der Situation, aus den Gesprächen, aus den verschieden Treffen heraus.

Tykwer: Die Tür war für alle offen. Aber irgendwann wurde das Päckchen so groß, dass wir einfach Schluss machen mussten. Wir fanden immer, dass zwölf, dreizehn Filme das absolute Maximum sind. Kurzfilm-Rollen haben eine Kapazitätsgrenze, man kann irgendwann nichts mehr aufnehmen. Es geht allen so, die jetzt mitmachen, dass uns welche fehlen, die unbedingt „dazugehören“. Ich könnte aus dem Stand mindestens ein Dutzend Namen nennen, die ich gerne noch dabei gehabt hätte. Und insofern ist das vielleicht auch der Anfang einer Reihe von Projekten, die hoffentlich noch folgen. Aber wir wollten bewusst nicht die entscheidende Kraft für die Auswahl sein, weil sich die organisch aus diesem Kreis entwickeln sollte. Und der hat nach allen Seiten gegriffen, alle brachten jemanden mit oder machten Vorschläge. Das ging sehr schnell. Aus der Gruppe, die sich zuerst getroffen hat, ist, glaube ich, nur die Hälfte übriggeblieben. Einige sind auch wieder gegangen.

Rahmig: Wobei das ja oft ganz pragmatische Gründe hatte, keine Zeit, eigene Filmprojekte… Alle diese Menschen überhaupt in so ein kurzes Zeitfenster zu kriegen, dass sie schreiben, dass die Finanzierung klappt, dass sie drehen, dass die Schauspieler Zeit haben, dass sie ihre Filme schneiden und wir am Ende den ganzen Film fertig kriegen… Das war eigentlich sowieso Wahnsinn. Aber es hat funktioniert.

Wilutzky: Es geht auch nicht darum, dass dieses Projekt eine abgeschlossene Bestandsaufnahme zur Lage der Nation ist. Es soll ja vielmehr der Anfang einer Diskussion sein, über Politik, Film und Gesellschaft heute, eine erste Sammlung. Ein Auftakt zum Nachdenken über die Gesellschaft in der wir leben, und über die, in der wir leben wollen. Wir haben hier ein Statement gemacht. Und jetzt sind wir sehr gespannt auf die Interpretationen und Reaktionen.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Finanzierung des Projekts gemacht?

Wilutzky: Ein ganz wichtiges und überzeugendes Argument war natürlich der NDR, der von Anfang an gesagt hat: „Wir sind dabei!“ Das ist ja gerade bei dieser Art von Filmen das Schwierigste, am Anfang einen wichtigen Partner zu haben, der einfach sagt: „Wir vertrauen euch. Macht!“

Rahmig: Prinzipiell sind wir relativ normal aufgestellt: Wir haben den NDR als Sender im Boot, und wir arbeiten mit Förderungen. Damit das aber wirklich klappen konnte, mussten wir auf mehreren Ebenen energisch arbeiten: Die Regisseure dazu zu kriegen, wirklich zuzusagen, dann mit dem Sender und den einzelnen Förderungen zu sprechen und allen zu sagen: „Wir brauchen euch. Es ist ein besonderes Projekt, und wir kriegen das hin. Und wir müssen es jetzt machen.“

Tykwer: Das darf man nicht unterschätzen. Bei den ersten Einreichungen gab es, glaube ich, fast überhaupt kein Drehbuch. Bei drei, vier Regisseuren stand einfach nur der Name da und vielleicht ein Filmtitel. Aber fast alle Förderungen waren sofort neugierig. Und der NDR hat von Anfang an gesagt: „Wir wissen, das ist auch ein bisschen irre, aber wir haben’s ja sozusagen mit auf den Weg gebracht, wir stehen jetzt auch dazu.“ Und sie sind mit einem hohen Coproduktionsanteil in die Produktion gegangen, das war ein Statement.

Was waren die Reaktionen auf den inhaltlichen Ansatz von Deutschland 09, als Sie das Projekt den beteiligten Partnern vorgestellt haben?

Wilutzky: Man kann natürlich bei so einem Projekt sehr gut argumentieren. Es war einfach an der Zeit für einen Film, der sich diesen Fragen stellt. In Deutschland gibt es, wie überall auf der Welt, Veränderungen, die sehr radikal sind, die das ganze Land angehen, die unser Leben verändern werden. Es gibt die Experimente Agenda 2010 und eine große Ungewissheit und Unwissenheit im Hinblick auf die Zukunft. Wir finden uns am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts wieder und merken, dass alles in Frage steht, was uns noch vor kurzem gesichert erschien: die Welt der Arbeit, das Sozial- und Gesundheitssystem, die Rente – quasi all die Errungenschaften, auf denen unsere Demokratie aufgebaut ist. Das ist nun wirklich der Moment, Fragen zu stellen und zu diskutieren.

Tykwer: Was in Wolfgang Beckers Beitrag so explizit verhandelt wird, ist auf ganz unterschiedliche Weise eigentlich in fast allen Annäherungen mitgeschwommen: Dass Deutschland ein bisschen als Patient gesehen wird. Und dass wir untersuchen, welche Symptome und welche Krankheiten vorliegen und welche Gesundungsoptionen da sind.

Eine kleine Symptomatologie von Deutschland, wenn man so möchte?

Rahmig, Tykwer, Wilutzky: Genau. (lachen)