BILDGESTALTUNG REINHOLD VORSCHNEIDER SZENENBILD ULRIKA VON VEGESACK SCHNITT MATHILDE BONNEFOY MISCHUNG MATTHIAS LEMPERT

ZUM FILM
Ein kurzer Film in der Morgendämmerung. „Im Moment habe ich keinen Hunger, obwohl ich weiß, daß der Hunger weiter macht, der Moment weiter macht, die Erde weiter macht, die sozialen Lagen machen weiter, und der Hund, der in der Nachbarwohnung eingesperrt ist und schon den ganzen Morgen bellt, macht weiter.“ (Aus: Rolf Dieter Brinkmann 11./12 Juli 1974, Köln)

ANGELA SCHANELEC
Geboren 1962 in Aalen, Baden-Württemberg. 1982-84 Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt/Main, Engagements an Theatern in Köln, Hamburg, Berlin und Bochum. Von 1990-95 studierte Angela Schanelec Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Ihr erster Film DAS GLÜCK MEINER MEINER SCHWESTER (1995) wurde u.a. mit dem Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. PLÄTZE IN STÄDTEN lief 1998 in der Reihe Un Certain Regard auf dem Festival de Cannes, es folgten MEIN LANGSAMES LEBEN (2001) und MARSEILLE (2004, Drehbuchpreis der Deutschen Filmkritik). 2005 gründete sie die Nachmittagfilm, mit der sie ihren Film NACHMITTAG produzierte, der 2007 im Forum der Berlinale uraufgeführt und auf dem Alba International Film Festival mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde.

INTERVIEW MIT ANGELA SCHANELEC

Ihr Beitrag „Erster Tag“ beruht auf einem Text von Rolf Dieter Brinkmann von 1974. Wie ist diese Idee entstanden?
Ich hatte als erstes überlegt, was mich denn mit diesem Land verbindet; und das ist die Sprache. Und die Sprache ist auch das, was mich an diesem Land tröstet. Deswegen wollte ich einen Text benutzen. Ich dachte an ein Gedicht, zuerst an Rilke, später habe ich auch Heine und klassische deutsche Literatur gelesen. Aber daraus hat sich nichts ergeben. Dann stieß ich auf dieses Buch von Brinkmann, „Westwärts 1 und 2“, auf das Vorwort, und ich dachte sofort,
dass das gut ist, auch durch den Bezug zu den siebziger Jahren. Brinkmann ist, finde ich, ein gutes Beispiel für diese Zeit, weil er auf der einen Seite damit sehr verbunden, aber auf der anderen Seite nicht darauf zu beschränken ist.

Der Text, in dem es um das Motiv des Weiter-Machens geht, ist in Ihrem Film nicht zu hören, sondern als Texttafel ans Ende des Films gestellt...
Ich fand es schöner, wenn man ihn liest. Das Schöne an dem Text ist die Wiederholung, die sprachliche Wiederholung und formale Wiederholungen, die Variation, die völlig unerwartet und unabsehbar ist. Im Drehbuch gab es noch zwei Texttafeln, eine Passage am Anfang und eine am Ende. Beim Schnitt hatte ich aber das Gefühl, dass das zuviel war. Es ging ja nicht darum, den Text zu bebildern, sondern der Text war ein Teil des Ganzen, von dem aus ich angefangen
habe, Szenen oder Bilder zu schreiben. Es gibt ein zweites Motiv, das des Morgens – wie hat sich dieses Motiv entwickelt, das ja nicht in direkter Verbindung zum Text steht? Genauso wie Sprache für mich etwas Schönes oder Tröstliches im Zusammenhang mit diesem Land hat, fand ich es schön, wenn alles am frühen Morgen spielt, weil das so unverdorben, so unverbraucht ist. Und ich dachte – das steht natürlich im Zusammenhang mit dem Text, aber das war eher eine intuitive Assoziation –, dass die Zeit eben nicht vergehen soll. Das ist immer der gleiche Morgen, das Licht wird nicht heller. So haben wir das auch gedreht: dass es wirklich immer dieses erste Morgenlicht ist, in dem man schon etwas erkennen kann. Es gibt immer noch vereinzelt künstliches Licht an den Orten, an denen wir sind. Aber der Morgen fängt schon an, überhand zu nehmen.

Im Drehbuch zu Ihrem Film ist beschrieben, wie ein ICE ins Bild fährt und dann stehenbleibt. Warum haben Sie diese Szene im Film verändert?
(lacht) Das war komisch, die Leute, die das wirklich sehr kurze Drehbuch gelesen haben, haben alle gesagt: „Das ist aber toll, dass der ICE stehenbleibt.“ Das war das, was sich die meisten gemerkt hatten. Wir haben dann einen Ort für diese extrem totale Einstellung gefunden, so ein Zug ist ja lang, und haben das so gedreht, dass man das technisch bearbeiten kann. Beim Schnitt hat es mich dann aber sehr gestört, dass der Zug stehenbleiben soll. Ein Gedanke für diese kurzen Szenen war ja, dass alles weitergeht, und dieses Weitergehen sollte an dieser Stelle dadurch erzählt werden, dass etwas stehenbleibt. Aber dieser Moment war so groß, viel zu groß für das Ganze. Es war viel schöner, wenn der Zug einfach durchfährt. Und als der Film fertig war, hat es keinen Menschen mehr interessiert, ob er stehenbleibt oder nicht.

Die narrativen Elemente, die Inszenierungen sind nur angedeutet. Wie sehr hat Ihr Film einen sozusagen dokumentarischen Charakter?
Ich fand die Unterscheidung nicht wichtig. Wenn man das Drehbuch gelesen hat, hat man vielleicht gedacht, dass das etwas Dokumentarisches wird. Aber es ist eben kein Dokumentarfilm. Wir haben immer auf diesen Moment mit dem Licht gewartet. Manchmal war das Warten alles, andere Momente haben wir hergestellt. Was ich schön daran finde, ist, dass die Personen so vereinzelt sind. Man sieht die Frau alleine im Krankenhaus, man sieht das Kind alleine zuhause. Das hat vielleicht ein bisschen etwas Trauriges. Und gleichzeitig hat es auch etwas Schönes… weil alles seinen Gang geht. Ich fand es wichtig, dass die Inszenierung am Anfang nur angedeutet ist. Dadurch schaut man anders auf die anderen Szenen, bewusster, und darum geht es ja. Es geht darum, den Blick zu konzentrieren.