BILDGESTALTUNG BERNHARD KELLER SZENENBILD BEATRICE SCHULTZ SCHNITT ANJA CONRAD ORIGINALMUSIK BENEDIKT SCHIEFER MISCHUNG MATTHIAS LEMPERT

ZUM FILM
In der Mondkolonie, Jahre nach der Erd-Evakuierung: Im Ministerium für Rekonstruktion werden die Bewohner in Erinnerungs-Séancen befragt. Ziel ist es, die irdischen Erinnerungen, die das Überleben in der neuen Umgebung erschweren, zu erfassen und zu löschen. Aber eine Frau entzieht sich der Kontrolle – und schreibt „Deutschland” in den Mondsand. Was hat sie vor? Die Behörden sind ernstlich besorgt. „Trotz der entlegenen Prämisse wird der Film (nur) mit Bildern und Gegenständen der Vergangenheit erzählt, die sich in einer Berliner Wohnung angesammelt haben. Den Mann, der dort wohnt, sehen wir nie, aber seine raunend raue Stimme führt uns durch die Geschichte und beleuchtet so einen geheimen Zusammenhang der Dinge. Er spielt Gott im Universum seiner Bilder und Objekte, aber am Ende sind es die Zuschauer, die den Film erschaffen.“ (Christoph Hochhäusler)

CHRISTOPH HOCHHÄUSLER
Geboren 1972 in München. Christoph Hochhäusler studierte zunächst Architektur in Berlin, dann von 1996 – 2003 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Sein Kurzfilm FIEBER (1999) wurde in Oberhausen mit einer „Lobenden Erwähnung“ und mit dem VGF-Preis in München ausgezeichnet. Sein erster Spielfim MILCHWALD (2003) wurde im Forum der Internationalen Filmfestspiele Berlin uraufgeführt. 2005 folgte FASLCHER BEKENNER, der nach seiner Premiere in der Sektion Un Certain Regard in Cannes u.a. mit dem Hypopreis in der Kategorie Bester Hauptdarsteller auf dem Filmfest München ausgezeichnet wurde. Derzeit bereitet er seinen neuen Spielfilm UNTER DIR DIE STADT vor. Christoph Hochhäusler ist Gründer und Mitherausgeber der Filmzeit-
schrift „Revolver“.

INTERVIEW MIT CHRISTOPH HOCHHÄUSLER

Deutschland ist in Ihrem Beitrag eine vage Erinnerung der Menschen auf einer Mondkolonie. Ist der Zustand dieser Mondkolonie geschichtslos?
Das ist ein Gedanke, der mich schon lange fasziniert hat: Was wäre, wenn die Artefakte fehlen würde, an denen sich Erinnerung beweist? Das ist in dieser Kolonie der Fall, und insofern hat sie tatsächlich ein Problem mit Geschichte. In gewisser Weise hat der Zweite Weltkrieg ja eine ähnliche Situation herbeigeführt: sehr viel von dem, was Deutschland mal ausgemacht hat, was an gespeichertem Wissen und Erfahrung vorhanden war, ist zerstört, durch den gewaltsamen Tod so vieler Menschen, aber auch durch die Zerstörung von Gebäuden, Büchern, Dokumenten aller Art.

In Ihrem Film schreibt eine Frau das rätselhafte Wort „Deutschland“ in den Mondsand. Was löst dieser Begriff bei Ihnen selbst aus?
Für mich ist das zuerst so etwas wie das Gesicht meines Vaters, die Geschichten aus meiner Familie, der Keller im Elternhaus … letztlich ein anderes Leben, eine Vergangenheit. Und mein Deutschland ist etwas anderes, das ist vor allem die Sprache, in der ich mich zuhause fühle. Ich habe insofern ein relativ ungebrochenes Verhältnis zu diesem Land, als dass ich hier gerne lebe und seine Geschichte interessant finde. Und gleichzeitig ist die Beschäftigung mit dieser
Vergangenheit immer wieder unglaublich erschreckend, man stößt immer noch jeden Tag darauf. Sie sind noch nicht so lange vorbei, diese schrecklichen Bestandteile der deutschen Geschichte.

Ihr Film spielt ausschließlich in einer Wohnung. Was ist das für eine Wohnung?
Der Film ist in gewisser Weise die Gedankenreise eines Mannes, und alles, was wir sehen, sind Objekte in seiner Wohnung, Bücher, Postkarten, Photographien usw. Wir haben lange nach einer Wohnung gesucht, die wir dafür einrichten können. Aber dann ist etwas Überraschendes passiert, wir haben eine Wohnung gefunden, die schon viel von dieser Situation hatte: die Wohnung eines Ehepaars, das nach 50 Jahren aus seiner Wohnung ausgezogen ist und uns
erlaubt hat, dort zu filmen. Auf diese Weise lag ein ganzes Leben in Dokumenten und Objekten vor uns, und passenderweise von Menschen, die wir nicht kannten. Das war für uns eine unglaubliche Inspirationsquelle, ein so beschriebenes Leben zu sehen, Flugtickets, Postkarten, auch Bücher mit den erschreckenden Kontrasten, die in der deutschen Geschichte liegen.
Der Mann war ein sehr erfolgreicher Flieger im Krieg, und es gab jede Menge Literatur, die
Fliegen heroisiert; und daneben standen die Standardwerke des sozialistischen Deutschlands. Es gibt diesen unvermittelten Clash, vielleicht auch, weil die Wohnung in Unordnung war und tiefere Schichten nach oben gekommen sind.

Ein großer Teil dessen, was Deutschland nach dem Krieg ausgemacht hat, waren ja Aufräumarbeiten, man hat ganz viel entsorgt, in jeder Hinsicht, nicht nur Gebäude, sondern auch vieles, was man nicht verstanden hat – weil man nach den Erfahrungen der Nazizeit
natürlich dachte, dass das Irrationale schlecht sein muss. Da ist viel verloren gegangen, was wir eigentlich brauchen. Deswegen war ich auch so begeistert von dieser Wohnung, in der sich so viel Widersprüchliches erhalten hat. Ich glaube, dass es gut ist, wenn man konfrontiert wird mit Dingen, die man nicht versteht. Und das kann Geschichte leisten.

Erinnerungen, Gedächtnis sind relativ abstrakte Begrifflichkeiten.Was war Ihr Ansatz, um dafür eine filmische Form zu finden?
Das eigentliche Problem für mich war: Woraus besteht die Erinnerung, die wir da an dieser Frau exemplifizieren? Muss ich die nachinszenieren? Aber das schien mir nicht geeignet für die Form des Kurzfilms. Und letztlich verfährt der Film jetzt indirekt: wir sehen fast nie das, wovon die Rede ist, aber es gibt immer Berührungen. Es ist eigentlich ein musikalisches Prinzip. Und die Erinnerungen sind von Platzhaltern aus dieser Wohnung belegt worden. Es gibt ein Beispiel aus der Fruchtfliegenforschung, das mich sehr fasziniert: Man sieht da, dass bestimmte Geschmacksinformationen eine bestimmte Größe im Kurzzeitgedächtnis haben und dann verkleinert ins Langzeitgedächtnis wandern, wo sie sich chemisch völlig verwandeln. Und bei uns beginnt jede Erinnerung eigentlich auch als sinnlicher Eindruck, der beschrieben oder verpackt wird und sich mit der Zeit verkleinert zu einem Objekt, wenn man so will, das etwas auslöst oder enthält. Und irgendwann ist es nur noch das Objekt selber, das wir erinnern, und dieses Objekt löst dann wieder etwas Spontanes aus. D.h. unsere Erinnerungen werden lebendig dadurch, dass sie beschrieben werden mit neuen Empfindungen, die von diesem Objekt ausgehen, das wir abgelegt haben. Und so ist unser ganzes Erinnern trügerisch.