MIT DENIS MOSCHITTO, KAI STRITTMATTER BILDGESTALTUNG RAINER KLAUSMANN BVK SZENENBILD TAMO KUNZ KOSTÜMBILD KATRIN ASCHENDORF CASTING MONIQUE AKIN SCHNITT ANDREW BIRD MISCHUNG RICHARD BOROWSKI

ZUM FILM
Name Murat Kurnaz steht als Synonym für den Horror, der jedem von uns widerfahren kann, der sich in Zeiten der‚ Operation Enduring Freedom’ zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Und den falschen Pass besitzt. Fünf Jahre verbrachte Murat Kurnaz im US-amerikanischen Foltergefängnis Guantanamo, ohne offizielle Anklage, ohne die Möglichkeit, rechtsstaatliche Mittel in Anspruch zu nehmen. Als Sohn türkischer Einwanderer in Bremen geboren und aufgewachsen, wird sein Fall zum grotesken Schauspiel deutscher Politik und internationaler Diplomatie. Seit seiner Freilassung 2006 hat sich Kurnaz nur selten öffentlich geäußert. Eines der wenigen Interviews, das er gegeben hat, hat Regisseur Fatih Akin für die große Leinwand adaptiert. Denis Moschitto spielt Murat Kurnaz, Kai Strittmatter den Journalisten.

FATIH AKIN
Geboren 1973 in Hamburg-Altona. Filmstudium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Sein erster Spielfilm KURZ UND SCHMERZLOS (1998) wurde u.a. ausgezeichnet mit dem Grimme-Preis, dem Bayerischen Filmpreis und dem Bronzenen Leoparden in Locarno. Es folgten IM JULI (2000; Jupiter-Preis), SOLINO (2002) und GEGEN DIE WAND (2004), mit dem Fatih Akin u.a. den Goldenen Bären auf der Berlinale, den Deutschen Filmpreis und den Europäischen Filmpreis als Bester Film gewann. 2004 gründete er zusammen mit Andreas Thiel und Klaus Maeck die Produktionsfirma Corazón International. 2006 wurde Akins Dokumentarfilm CROSSING THE BRIDGE in Cannes uraufgeführt, 2007 folgte AUF DER ANDEREN SEITE, der u.a. mit dem Drehbuchpreis in Cannes, dem Europäischen Filmpreis (Drehbuch), dem Bayerischen Filmpreis (Regie) sowie drei Deutschen Filmpreisen, u.a. als Bester Film ausgezeichnet wurde.

INTERVIEW MIT FATIH AKIN

Wie kam es zu der Idee, den „Fall Murat Kurnaz“ zum Gegenstand Ihrer filmischen Auseinandersetzung mit DEUTSCHLAND 09 zu machen?
Ich habe den Fall in der Presse verfolgt und alles Mögliche gelesen, diese Loglines vom „Bremer Taliban“, wie die Boulevardmedien geschrieben haben. Das ist ja Rufmord. Und ich habe seine Biographie gelesen, die ich sehr bewundert habe, weil sie sich sehr reflektiert und klar liest. Das hat mich sehr berührt und gepackt. Das ist das, was mich an Deutschland im Augenblick mit am meisten beschäftigt, diese Ungerechtigkeit, dass solche Tatsachen unter den Teppich gekehrt und vergessen werden. Die Leute sind so schnell im Vergessen, gerade auch weil die Medien selbst so schnelllebig sind. Ich denke, es ist ein historisches Vergehen, was die Regierung seinerzeit gegenüber Kurnaz mit zu verantworten hat. Und der Film hat mir die Möglichkeit gegeben, diese Motive zu verarbeiten.

Man kennt von Murat Kurnaz vor allem Bilder, auf denen er noch einen langen Bart trägt und etwas wild aussieht. Was hat Sie dazu bewogen, Denis Moschitto für die Rolle zu besetzen?
Ich habe Murat Kurnaz vor dem Film persönlich getroffen, da hatte er schon keinen Bart mehr und sah aus wie ein ganz normaler Großstadtjugendlicher, und ich musste gleich an Moschitto denken. Wir haben aber nicht versucht, Moschitto äußerlich anzugleichen, sondern dem Inhalt von Kurnaz’ Worten gerecht zu werden. Und ich finde, Denis Moschitto hat das sehr gut wiedergegeben, meine Wahrnehmung von Kurnaz, meine Reflexion oder Interpretation
darüber. Denn es ist ja kein Dokumentarfilm, auch wenn es um eine dokumentarische Situation geht.

Können Sie sich auf gewisse Weise mit Murat Kurnaz identifizieren?
Es ist eher so, dass ich mich mit einem Teil seiner Geschichte identifizieren kann. Wie er aufgewachsen ist, woher er aus der Türkei kommt, was seine Eltern gemacht haben, dass er Türsteher war: das ist eine ähnliche Sozialisation, die mich mit seiner Biographie verbindet. Ich bin Filmemacher geworden, und deswegen wird mir das wohl nicht passieren, was Murat Kurnaz passiert ist. Aber der Fall zeigt, dass es prinzipiell jedem passieren kann, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Sie werden als Filmemacher vor allem mit deutsch-türkischen Themen assoziiert. Haben
Sie überlegt, für diesen Film etwas ganz anderes zu machen?

Ich habe tatsächlich früh in so eine Richtung gedacht. Aber das Kurnaz-Thema bot sich an. Ich hatte das Gefühl, dass das der einzige vernünftige Beitrag ist, den ich dazu machen kann. Ich hatte noch ein anderes Projekt, da ging es um verwahrloste Kinder, aber während meiner Recherche habe ich diesen überwältigenden Dokumentarfilm ’Die Kinder sind tot’ gesehen – und richtiger oder eindringlicher, als dieser Film beweist, kann man das nicht verfilmen.
Also ist es am Ende doch wieder etwas deutsch-türkisches geworden... Das Projekt hat eigentlich mehr mich ausgesucht, als ich das Projekt.

Dieser kurze Film sieht anders aus als Ihre anderen Filme, sehr reduziert, ein Setting, ein ruhiger Fluss von Fragen und Antworten – wie ist diese Form entstanden?
Ich wollte zuerst ein Gespräch aus diversen Interviews von Murat Kurnaz zusammenbauen, was aber schwierig war, weil einige Interviews unmittelbar nach seiner Freilassung aus Guantánamo entstanden waren und andere später. Ich habe mich dann für ein einzelnes Interview entschieden, das von süddeutsche online, da dramaturgisch und inhaltlich die Fragen und Antworten enthalten waren, die mich persönlich interessierten. Mit diesem Text sind wir dann umgegangen wie mit einem Theatertext, wodurch auch eine sehr interessante Schauspielarbeit entstand.

Der Dreh für „Der Name Murat Kurnaz“ fiel dann in die Drehzeitmeines Spielfilms „Soul Kitchen“, was ein sehr anstrengender Dreh war, mit vielen Leuten und mit einer sehr aufwendigen Produktion. Und dann hatten wir auf einmal die Möglichkeit, den kurzen Film zu drehen: eine Kamera auf dem Stativ und so den Raum und die Personen einfach als Still zu fotografieren – eine ganz andere Bildsprache als bei „Soul Kitchen“, an dem wir gerade
gearbeitet hatten, von heute auf morgen. Ich habe das sehr genossen. Wenn ich die Kamera bewegt hätte – das ist ja immer ein narratives Element, das ist ja Rhetorik – hätte ich das Gefühl gehabt, die Zuschauer in irgendeine Richtung zu manipulieren. Aber ich wollte den Text identisch so nehmen, wie er ist, und das Ganze so ein bisschen wie ein Tennisspiel fotografieren, mit der geringst möglichen Manipulation, die ich als Filmemacher schaffen kann.