MIT JOSEF BIERBICHLER, TIM SEYFI, ADRIANA ALTARAS BILDGESTALTUNG BELLA HALBEN SZENENBILD EVA MARIA STIEBLER KOSTÜM KATHARINA OST CASTING NINA HAUN SCHNITT NIKO BRINKMANN MISCHUNG MICHAEL STECHER

ZUM FILM
Riesch Beintl, Industrieller vom Obersalzberg in den Berchtesgadener Alpen, mit einer Vorliebe für Mozart und die Moderne in der Kunst, muss schmerzhaft und unvorbereitet erfahren, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland, Beintls Halt und Trost in der besten aller Welten, ihr Layout geändert hat. Farbige Bilder werden von nun an auf der Titelseite zu sehen sein, und die legendäre Fraktur-Schrift über den Kommentaren ist verschwunden, ersetzt durch eine vorgeblich heutige, dem billigen Zeitgeist angepasste Typografie. Beintl ruft in der Redaktion der FAZ an. Als Reden nichts hilft, beschließt Beintl, ein Mann der Tat, zu handeln. Denn, so Beintl: Wer die Fraktur nicht lesen kann, der kann das deutsche Wesen an sich nicht lesen.

HANS STEINBICHLER
Geboren in Solothurn in der Schweiz, aufgewachsen in Öd am Westufer des Chiemsees. Studium der Rechtswissenschaften, dann Filmstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen München. Sein erster längerer Dokumentarfilm VERSPIEGELTE ZEIT (1998) wurde mit dem Förderpreis der Stadt München und dem Dokumentarfilmpreis Nürnberg ausgezeichnet. Es folgten die Spielfilme HIERANKL (2003, u.a. Hypopreis auf dem Filmfest München, MFG-Star, Grimme-Preis, Bayerischer Filmpreis für Johana Wokalek als beste Hauptdarstellerin), WINTERREISE (2006, u.a. FIPRESCI-Preis auf dem Internationalen Filmfestival Haifa, Jury Award des Brooklyn International Filmfestival und Deutscher Filmpreis für Josef Bierbichler als bester Hauptdarsteller), AUTISTIC DISCO (2007) und
MEINE MUTTER, MEINE BRAUT UND ICH (2008).

INTERVIEW MIT HANS STEINBICHLER

In „Fraktur“ scheint eine starke Hassliebe zur FAZ durch – woher kommt die bei Ihnen?
Die FAZ ist schon immer eine Leidenschaft für mich. Das liegt, glaube ich, ganz stark daran, dass meine Familie aus kleinen bäuerlichen Verhältnissen in Bayern stammt und ich unter anderem deswegen unbedingt studieren wollte. Deswegen habe ich mich auch mit Dingen ausgestattet, die das andere Ende meiner Herkunft beschreiben, und die FAZ war natürlich in dieser Hinsicht Programm. Auf der Seite, die meinen Wunsch nach Bürgerlichkeit betraf, Kunst, Elite, Ausdruck, war ich von der FAZ fasziniert, aber politisch war sie für mich meist eine Qual. Als sich die FAZ 2007 entschloss, ihr Layout aufzugeben, dazu noch mit einer sehr schlechten und peinlichen Begründung, war das wie Landesverrat für mich: „Frisch, einladend, übersichtlich, der Leser hat gesprochen...“ Als ich dann die Gelegenheit bekam, im Rahmen dieses Projekts etwas über Deutschland zu erzählen, habe ich beschlossen, aus diesem Zorn, der mich da gepackt hat und den ich als wunderlich und merkwürdig empfand, etwas zu machen, weil er im Kern etwas hatte, Konservatismus, Ressentiment und Selbstgerechtigkeit, was ich sehr stark mit dem Deutschland in Verbindung bringe, das ich kennengelernt habe.

Warum haben Sie sich bei der doch großen Auswahl aktueller ernster Themen für eine Satire entschieden?
Deutschland 2009 ist ja wieder ein Jahr der großen Koalitionen, ein Jahr der großen Wahlen, und es ist ein Jahr, wo der Staat an einem Tag verkündet, dass er den Bürgern drei Milliarden Euro „schenkt“, und am gleichen Tag gibt Ackermann bekannt, dass die Deutsche Bank einen Quartalsverlust von 4,8 Milliarden hat. Es tut mir leid, aber in so einem Zustand kann ich eigentlich nur eine Satire bringen. Und diese Geschichte über einen bayrischen Unternehmer,
der wegen einer Layoutänderung nach Frankfurt aufbricht, dort alle niedermetzelt in seinem Wahn und dabei urdeutsche Grundzüge offenbart: Kenntnis der Dichtung, Hang zu vollendet schöner Musik, und trotzdem perfekt im Töten – das war für mich treffender als jetzt irgendeine Sozialkitsch-Geschichte zu machen.

Seit Ihrem Film „Hierankl“ wurden Sie oft mit dem Etikett des „Neuen Heimatfilms“assoziiert. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?
Ich bin jemand, der aus der Bergnähe kommt und diese Bergnähe sehr stark braucht. Ich kann
es schwer ertragen, über Tage einen Horizont zu sehen, der hinten runterkippt, sozusagen. Das ist der simple Grund, wieso ich in München geblieben bin. Aber mit diesem Etikett „Neuer Heimatfilm“ habe ich nichts am Hut. Erstens bin ich zweisprachig, ich kann also Schriftdeutsch sprechen und bayerisch, was mir sehr wichtig ist. Und zweitens nutze ich in meinen Filmen die Enge und das Landschaftliche, damit Themen, die überall spielen könnten, ein besonderes Interesse, eine Wirkmächtigkeit entfalten. Es gibt diese Spannung in Bayern, von der ich als Filmemacher sehr profitiere: eine unglaubliche Schönheit, Brauchtum, Tradition – und dazwischen der Mensch, der dem Menschen dann doch immer wieder ein Wolf ist.

Wie explizit politisch kann ein Film wie DEUTSCHLAND 09 sein, gerade auch im Vergleich zu einem Film wie „Deutschland im Herbst“?
1977 gab es für diese Nation ein Thema, den deutschen Herbst. Die Regisseure damals konnten den Blick nach innen richten, und dort war etwas. Deutschland 09 hat von vornherein das Problem, dass nämlich, wenn wir in die Mitte unseres Land schauen, da überhaupt nichts ist. Da ist ein Hohlraum, ein Nichts, da ist eine Art große Koalition und eine Kanzlerin, die einen großen Konsens moderiert. Deswegen war es für mich konsequent, nicht einen sozialen
Missstand, sondern einen “deutschen Zug“, den es immer noch gibt, auf eine extreme Art zu beschreiben. Je älter ich werde, um so mehr begreife ich, in welch unmittelbarer Nähe zum Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs ich geboren bin. Ich begreife sogar diesen Spruch von der „Gnade der späten Geburt“. Wir sind, glaube ich, eine Demokratie, die sich darauf stützt, dass es allen gut geht. Und wenn dieses „Gutgehen“ endet, dann ist unsere Gesellschaft noch immer absolut anfällig für „urdeutsche Tugenden“. Darauf wollte ich spielerisch hinweisen; die Leute sollen lachen, aber das Lachen darf ihnen auch im Hals stecken bleiben bei diesem Film.
Das ist das, was Kino für mein Empfinden kann. Ich muss übrigens sagen, dass ich mich wirklich sehr gefreut habe, als ich die anderen Beiträge von DEUTSCHLAND 09 gesehen habe, nämlich darüber, wie unterschiedlich diese Stimmen geworden sind und wie in den einzelnen Filmen ganz verschiedene Welten aufgehen. Dass es da nicht so eine Art Konsens gibt, an dem man erstickt, sondern dass man darüber sprechen kann, was auf uns zukommt.