MIT CHRISTOPH JACOBI, CLAUDIA GEISLER, JUSTUS CARRIERE, UWE BOHM, HELENE GRASS BILDGESTALTUNG BERNADETTE PAASSEN SZENENBILD SEBASTIAN WURM KOSTÜMBILD CHARLOTTE SAWATZKI CASTING TRÖBER CASTING SCHNITT DIRK OETELSHOVEN MISCHUNG MATTHIAS LEMPERT

ZUM FILM
Zu einer Zeit, in der ein Mann deutscher Innenminister ist, der 1994 einem Koffer mit 100.000 DM in bar von einem Waffenhändler entgegennahm, werden Listen sogenannter „Gefährder“ erstellt, die das uralte Rechtsprinzip der Unschuldsvermutung aufheben. Ab jetzt ist jeder solange verdächtig, bis er das Gegenteil beweisen kann. Der Film zeigt anhand eines wahren Falles aus dem Sommer 2007, wie leicht in einem Klima der Angst Politaktivisten wie Terroristen behandelt werden: überwacht, ausspioniert und eingesperrt. Der Fall Andrej Holm hat großes Aufsehen erregt, doch die wesentlichen Fragen konnte niemand beantworten. Der Bundesrichter erließ den Haftbefehl mit der Begründung, Holm würde in seinen Arbeiten das Wort „Gentrifizierung“ verwenden – ein Begriff , der einmal in einem Bekennerschreiben der „Militanten Gruppe“ auftauchte. Warum überwachte das Bundeskriminalamt den Soziologiedozenten und seine Familie 11 Monate lang, unter enormen Aufwand, obwohl in der Zeit keine neuen Verdachtsmomente auftraten?

HANS WEINGARTNER
Geboren 1970 in Feldkirch, Österreich. Von 1991-97 studierte Hans Weingartner Gehirnforschung und Neurochirurgie in Wien und Berlin, parallel dazu machte er von 1993-94 eine Ausbildung zum Kamera-Assistenten an der Austrian Association of Cinematography; anschließend Filmstudium an der Kölner Kunsthochschule für Medien. Sein Abschussfilm DAS WEISSE RAUSCHEN (2001) wurde u.a. mit dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken und dem First Steps Award (Regie) ausgezeichnet und zum Deutschen Filmpreis nominiert. Es folgten DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (2004), der im Wettbewerb des Festival de Cannes uraufgeführt wurde und u.a. zwei Deutsche Filmpreise, den Preis der Deutschen Filmkritik sowie Festivalpreise in Sevilla und Miami gewann, sowie FREE RAINER (2007).

INTERVIEW MIT HANS WEINGARTNER

Was war der Auslöser für „Gefährder“?
Zuerst einmal fand ich es gut, dass sich Regisseure – sonst ja eher Spezies Einzelkämpfer - mal zusammentun und gemeinsam etwas machen – diese Idee allein hat mich davon überzeugt, bei DEUTSCHLAND 09 mitzumachen. Ich bin dann auf die Geschichte von André Holm gestoßen und wusste ziemlich schnell, dass ich diese Geschichte machen will, weil das Thema aktuell ist und sich noch verschlimmert, zum Beispiel durch das neue BKA-Gesetz.

Wie war es für Sie, seit langem wieder einen Kurzfilm zu drehen?
Es ist gar nicht so leicht, man muß extrem dicht erzählen. Ich kann nur sehr wenig zeigen von den Charakteren, den Hauptteil muss der Zuschauer in seiner Fantasie dazu erfinden. Auch beim Drehen steht man ziemlich unter Druck, weil man weiß, dass jede Szene funktionieren muss, weil jede Szene im Film landet. Ich arbeite sonst gern mehr mit freier Improvisation, Versuchen und Experimenten, das war da nicht möglich. Wo du im Spielfilm 20, 30 Minuten
für die Exposition hast, hast du im Kurzfilm höchstens zwei Minuten – das war eine ganz schöne Herausforderung. Ich habe viel gelernt dabei.

Sie haben für Ihren Film ausführlich recherchiert, viel gelesen, sich mit André Holm getroffen, mit Experten der Sicherheitspolitik und Überwachungstechnik. Was waren Ihre Erkenntnisse?
Die Fakten liegen ja auf dem Tisch, die sind jedem zugänglich. Der Fall ist genau so passiert. Meine Frage war: Warum haben die das gemacht, warum haben die den André Holm elf Monate überwacht? Die müssen doch ziemlich schnell gemerkt haben, dass da nichts dran ist. Dann habe ich herausgefunden, daß das BKA im Zuge der Überwachung auch 4000 Leute aus seiner Umgebung erfaßt hat. Dann bin ich auf diese Antiterrordatenbank gestoßen, die es ja wirklich gibt, und habe daraus die These entwickelt, dass es gar nicht darum ging, Terroristen zu verfolgen, sondern darum, die links-politische Szene zu durchleuchten. Es gibt ein Statement des Sprecher der Generalbundesanwältin, das sich jeder auf YouTube angucken kann: Auf die Frage, warum im Vorfeld des G8-Gipfels 40 Wohnungen in ganz Deutschland durchsucht wurden und ob es Anhaltspunkte für die Bildung einer terroristischen Vereinigung gab, hat er offen gesagt: Nein, wir klopfen da nur auf den Busch und schauen mal, was sich bewegt... das heisst der Paragraph 129a wird ganz offiziell als Vorwand benutzt, um Menschen auszuspionieren. Ein klarer Rechtsmißbrauch. Meiner Ansicht mischt sich der Staat da in Dinge ein, die ihn verdammt nochmal nichts angehen. Globalisierungsgegner sollten in einer Demokratie das Recht haben ihre Meinung frei zu äußern und zwar ohne Angst, dafür drangsaliert zu werden, und Hausdurchsuchungen und Abhören, das ist eine Drangsalierung, meiner Ansicht nach. Holm war einer der Vorbereiter der letzten G8 Proteste, es ist also sicher kein Zufall, daß sie ausgerechnet ihn überwachten, und auch der Zeitpunkt, eben kurz vor dem Gipfel, war sicher kein Zufall.

Die Antiterrordatenbank faßt Geheimdienstinformationen und Polizeinformationen zusammen. Das ist verfassungswidrig, denn Geheimdienste unterliegen fast keiner legislativen Kontrolle und ermitteln ohne staatsanwaltlichen Auftrag. Im dritten Reich, beim Reichssicherhautshauptamt, hat man ja gesehen was bei so einer Vermischung rauskommt, deswegen ist es ja auch laut Grundgesetz verboten. Kümmert nur keinen. Das Problem, worum es in meinem Film geht, ist einfach: Wie konnte es passieren, dass jemand wie André Holm zum Terroristen gestempelt wird. Wer ist Terrorist heutzutage? Zuerst einer der Bomben schmeisst, dann irgendwann jeder der demonstrieren geht? Wie schnell verschwimmen da die Begriffe? Man versucht, ein Umdenken in Richtung Präventivmaßnahmen, Vorbeugehaft herbeizuführen. Da fordert Schäuble allen Ernstes, sogenannte „Gefährder“ erstmal einzusperren, damit sie keine Terroranschläge begehen können. Und jeder denkt dann an irgendwelche Islamisten, die eine Bombe bauen, oh, das sind Gefährder, ja! Aber dass so jemand wie André Holm, ein harmloser Unidozent, der politisch aktiv ist, dann plötzlich als „Gefährder“ im Knast landet, daran denkt keiner.

Glauben Sie daran, dass Filme politisch etwas bewirken können?
Was ich als Filmemacher versuche, ist, der staatlichen Propaganda, die zum Beispiel Schäuble über die Medien intensiv betreibt, etwas entgegen zu setzen. Dessen Interviews erscheinen regelmässig in den Leitmedien und im staatlichen Fernsehen. Die Kritiker und Gegner kommen kaum zu Wort. Bei diesem Film ging es mir darum, die Fakten zu zeigen und den Fall möglichst nüchtern und klar zu präsentieren. Und den Rest der Interpretation des Zuschauers überlassen. Ich denke, ein Film kann nicht viel bewirken, aber viele Filme schon. Und wir erleben ja in letzter Zeit, dass Film wieder politischer wird. Irgendwo muss man anfangen, und das Bewusstsein der Menschen zu ändern, ist ein erster Schritt – und dass kann Film wirklich leisten, finde ich.