BILDGESTALTUNG RALI RALTCHEV SCHNITT OLIVER NEUMANN MISCHUNG MARTIN STEYER

ZUM FILM
Die Münchner Grundschule an der Thelottstraße liegt im multikulturellen Stadtteil Hasenbergl. Die Armut vieler Familien und die Sprachdefizite der meisten Kinder wirken sich deutlich auf die Anforderungen an die Arbeit der Lehrer aus. Der Film konzentriert sich auf eine vierte Klasse und ihre junge Lehrerin, die nach der Freinet-Pädagogik einen ‚Klassenrat’ entworfen hat. Die 9- bis 11-jährigen sollen sukzessive erlernen, nach demokratischen Regeln zu kommunizieren. Kinder, die sich anschreien oder prügeln, sollen Sprachkompetenz erwerben, die ihnen Handlungsalternativen aufzeigt. Das akuelle Problem, vorgetragen von Marco, lautet: „Ich will nie wieder Völkerball spielen!“ Die Rolle der Lehrerin ist anstrengend und kompliziert. Sie muss intervenieren, wenn die Argumentation jeglicher Logik entbehrt. Trotzdem will sie den Kindern möglichst viel Eigenverantwortung überlassen, damit diese lernen, für ihr Sozialleben Verantwortung zu übernehmen. Der Film erzählt, mit welcher Sensibilität, Mühe und auch Ambivalenz die „demokratische“ Idee durch die engagierte Lehrerin in eine Gesellschaft aus Kindern mit sehr verschiedenen familiären und kulturellen Hintergründen eingebracht wird.

ISABELLE STEVER
Geboren 1963 in München. Seit 1984 in Berlin. Regelmäßige Mitarbeit an Kino- und Fernsehfilmen sowie Kunstausstellungen. Mathematikstudium an der Technischen Universität Berlin, Diplom 1994 und Beginn des Regiestudiums an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin. Isabelle Stevers Abschlussfilm ERSTE EHE wird 2002 u.a. mit dem Regie-Nachwuchspreis First Steps als bester Spielfilm ausgezeichnet. 2005 folgt GISELA, der auf dem Internationalen Filmfestival Locarno uraufgeführt und u.a. mit dem österreichischen Crossing Europe ausgezeichnet wurde.

INTERVIEW MIT ISABELLE STEVER

Wie ist die Idee zu Ihrem Beitrag entstanden?
Ich war zwischen Weihnachten und Sylvester in der Wohnung meiner Eltern und habe versucht zu schreiben – und wenn man versucht zu schreiben, liest man dann alles, was in der Gegend herum liegt, um nicht schreiben zu müssen. Und da habe ich eine Hausarbeit meiner Schwester Johanna gelesen, die Referendarin an einer Schule in einem Münchner Problembezirk ist. Es war sehr ergreifend, diese Hausarbeit zu lesen, weil sie so toll und emotional geschrieben war. Und drei Tage später kam der Anruf, ob ich einen Kurzfilm machen würde, der im weitesten Sinne mit Deutschland zu tun hat...

Das heißt, die Referendarin, um die es geht, ist Ihre Schwester?
Ja. Aber das spielt in dem Film keine Rolle. Es war für mich so viel einfacher, eine Vertrauensbasis herzustellen, aber es hat nichts mit der Handlung zu tun.

Wie sehr hat die Anwesenheit der Kamera und des Filmteams die Situation in diesem Klassenzimmer beeinflusst?
Ich hatte lange recherchiert für den Film, die Kinder mit einer kleinen HD-Kamera 14 Tage auf Klassenfahrt begleitet und probeweise auch in der Schule gedreht. Mit dem Team sind wir dann am Anfang in den Morgenkreis gegangen und haben uns den Kindern vorgestellt, wobei wir versucht haben, wahnsinnig langweilig zu sein. Einer hat erzählt, dass er zum ersten Mal in München ist, ein anderer, dass er in der Schule gern Sport gemacht hat, und ich habe erzählt,
dass ich einen 16-jährigen Sohn habe, der früher schlecht in der Schule war und jetzt besser ist. Also Sachen, wo die Kinder dann denken, aha, und einen dann sofort nicht mehr bemerken. Das war, glaube ich, ganz gut. Ich habe natürlich schon Einfluss auf die Situation
genommen, weil ich wollte, dass die Kinder hinter den Tischen sitzen, damit das optisch so einen „Plenumscharakter“ hat. Und weil wir nur mit einer Kamera gearbeitet haben, habe ich meiner Schwester mögliche Sitzordnungen geschickt. Sie hat das zuerst vehement abgelehnt,
aber irgendwann haben wir uns dann auf eine Sitzordnung geeinigt, wo sie das Gefühl hatte, die Klasse noch halbwegs im Griff zu haben, und wir diejenigen mit der Kamera erreichen konnten, von denen ich dachte, dass sie am meisten reden würden.

Es geht um die Einführung eines Klassenrates, das Einüben demokratischer Lösungsstrategien – was hat Sie daran interessiert?
Es ist sehr schön zuzusehen, wie Achtjährige versuchen, ihre Probleme in Diskussionen zu lösen. Und es war sehr interessant zu sehen, was die Rolle meiner Schwester ist: dass es ihr aufgrund ihres Charakters, aber auch der Konstellation und der Problematik sehr schwer fällt, sich wirklich herauszuhalten. Dass sie dann anfängt, die Lösung zu manipulieren, womit die Idee des Rates eigentlich ad absurdum geführt wird. Das erzählt mehr als die bloße Darstellung des Rates. Wenn man eine Struktur über eine Gruppe von Menschen stülpt, ist sie immer auf eine gewisse Weise falsch. Die Lösung, für die sich die Kinder zunächst entscheiden, ist eine, die für eine Pädagogin eigentlich nicht verantwortbar ist. Die Lösung am Ende ist: Wer andere beim Völkerball als „Looser“ beschimpft, kriegt einen Verweis. Was ja eine völlig idiotische Lösung ist, die im Grunde gar keinen Sinn hat und nicht einmal wirklich durchführbar ist. Die Lösung, die unterminiert wurde, wäre härter gewesen: Der Marco, der als Anliegen für den Klassenrat formuliert hat, dass er nie wieder Völkerball spielen will, hätte ein paar Sportstunden nicht mitgespielt, dann hätte er darüber nachgedacht und sich mit den anderen auseinandergesetzt. Es wäre gegangen.

Ich glaube, davon hätten alle etwas gehabt: dass das passiert, was sich die Kinder ausgedacht haben. Sie können dann sehen, wie das weiter geht, ob es gut war, ob es gewirkt hat oder nicht. Das ist großartig, das hilft für das Erwachsenwerden. Und das ist auch genau das, was Johanna mit dem Rat machen möchte, und ich möchte ihr überhaupt nicht unterstellen, dass sie etwas falsch gemacht hat. Das ist halt eine schöne menschliche Diskrepanz, eine systemimmanente menschliche Diskrepanz.