MIT BENNO FÜRMANN, EVA HABERMANN KAMERA FRANK GRIEBE SZENENBILD THORSTEN SABEL KOSTÜMBILD POLLY MATTHIES SCHNITT MATHILDE BONNEFOY ORIGINALMUSIK TOM TYKWER, JOHNNY KLIMEK & REINHOLD HEIL MISCHUNG MATTHIAS LEMPERT

ZUM FILM
Feierlich, 40 Jahre, ist Vertriebschef eines Modelabels aus Düsseldorf, das mit individueller „casual wear“ solide Zahlen schreibt. Seine Firma navigiert von Düsseldorf aus, entworfen wird in Paris, Stoffe kauft man in Hongkong, verarbeitet werden sie in Kairo, die internationalen Vertriebspartner sitzen in San Diego. Mehrmals im Jahr macht sich Feierlich auf und fliegt in knapp einer Woche den globalen Firmenkosmos ab, um mit den Geschäftspartnern die kommende Saison zu planen. Von Düsseldorf nach Paris. Von Paris nach San Diego. Von San Diego nach Hongkong. Von Hongkong nach Kairo. Und von Kairo wieder nach Düsseldorf. Es ist beruhigend, dass die Strapazen dieser Reise durch die Minimierung unterschiedlicher Eindrücke maßgeblich gelindert werden können. Und doch gibt es da etwas, das sich ihm entzieht, Situationen, Menschen, Augenblicke, die die Ordnung, die sich Feierlich in seinem Weltreiseablauf verordnet hat, durcheinander bringen.

TOM TYKWER
Geboren 1965 in Wuppertal, erste Super-8-Filme als Elfjähriger. Seit 1980 arbeitete Tom Tykwer als Filmvorführer, 1988 übernahm er die Programmierung der Berliner Moviemento-Kinos. Nach zwei Kurzfilmen drehte Tykwer 1993 seinen Spielfilm DIE TÖDLICHE MARIA, der u.a. mit drei Bayerischen Filmpreisen ausgezeichnet wurde. 1994 war er Mitbegründer der X Filme Creative Pool. Es folgten u.a. WINTERSCHLÄFER (1997, u.a. Deutscher Filmpreis für den Kameramann Frank Griebe), LOLA RENNT (1998, u.a. sechs Deutsche Filmpreise, nominiert zum Oscar als Bester nicht-englischsprachiger Film), DER KRIEGER UND DIE KAISERIN (2000, u.a. Deutscher Filmpreis in Silber), HEAVEN (2002, u.a. Preis der deutschen Filmkritik, Deutscher Filmpreis in Silber) und DAS PARFÜM (2006, u.a. Europäische Filmpreise für Kamera und Ausstattung sowie sechs Deutsche Filmpreise). Tykwers jüngster Spielfilm THE INTERNATIONAL eröffnete die Berlinale 2009.

INTERVIEW MIT TOM TYKWER

Sie schicken Ihren Protagonisten Feierlich auf eine Reise um die Welt in wenigen Tagen. Haben Sie für den Film diese Reise selbst unternommen?
Das war das Wichtigste für mich an dem Projekt, dass wir diese Reise als Team wirklich machen, dass wir einmal um die ganze Welt fliegen, innerhalb von zehn Tagen. Dass wir in diese Städte fliegen, in diese Hotels gehen, mit diesen Limousinen fahren – ohne vorher zu wissen, was man dann wirklich in den Zwischenzonen entdeckt. Es ging darum, diese Erfahrung der ästhetischen, erfahrungsraumhaften Gleichschaltung der Welt zu überprüfen, indem wir das wirklich nachvollziehen. Das ist für mich ein bisschen wie eine Konzeptkunst-Idee; wie bei Bildern von Thomas Demand, bei denen man weiß, dass das, was man sieht, tatsächlich gebaut und fotografisch festgehalten wurde, bevor Demand es wieder vernichtet hat. Das sind eben keine Fotos, die so manipuliert wurden, dass man hinterher meint, das stimmt schon so; sondern es hat tatsächlich existiert. Wir hätten manche Sachen vielleicht auch im Starbucks hier um die Ecke drehen können, aber wir sind ins Starbucks nach Kairo gegangen. Irgendetwas ist immer anders.

Es geht um ein Bild von Globalisierung, in dem die Unterschiede verschwinden.
Die Globalisierungs-Erfahrung, die viele machen, ist eben die, dass man mitnichten versucht, einen kultur-integrativen Erfahrungsraum zu schaffen, sondern dass es stark darum geht, grenzüberschreitende Momente zu nivellieren. D.h. dafür zu sorgen, dass sich jeder überall zuhause fühlen kann, dass es Orte gibt, die überall identisch sind, und man dadurch weniger dem Stress unterliegt, sich in der Kürze der Zeit, die man auf so einer Geschäftsreise hat,
an unterschiedliche Orte zu gewöhnen. Ich habe das in meiner persönlichen Lebenswelt erlebt, wenn ich auf Promotion-Tour für einen Film gegangen bin. Wenn so ein Film eine weltweite Vermarktungs-Kampagne durchläuft, wird man selbst zu einem „Asset“ in dieser Kampagne, das sozusagen mit verwertet und durch die Gegend geschickt wird. Und entsprechend wird man behandelt, es gibt Mechanismen, die einen in diesen Lauf der Dinge einbinden und denen man sich etwas schockiert, aber auch fasziniert unterwirft. Man ist ja neugierig darauf, was für eine Erfahrung das ist.

Das heißt in dem Film steckt auch Ihre eigene Erfahrung als Filmemacher?
Feierlich, unser Protagonist, arbeitet in der Modebranche, wo sich an bestimmten Punkten das Industrielle mit dem Kreativen vereinen muss. Und so ist Kino auch, Industrie und Kunst.
Aber die Kunst war irgendwann weg. Wenn man als Regisseur als Vermarktungs-Asset um die Welt geschickt wird, wird man in Hotelzimmer gesetzt, die immer gleich sind, wird interviewt, und man macht das zwölf Stunden am Tag, ein paar Wochen lang: Immer an einem anderen Ort, manchmal sogar in einem anderen Kontinent, aber das Hotelzimmer ist mehr oder weniger dasselbe, die Fragen sind dieselben, und die Antworten sind dann natürlich auch irgendwann immer dieselben. Und plötzlich ist das, was man als ein organisches, lebendiges, atmendes und komplexes Wesen betrachtet hat, nämlich seine Kunst, ein Strich-Code, den man wiederholt, den man wiedergibt.

Inwiefern markieren diese „Nicht-Orte“, die die Stationen von Feierlichs Reise markieren, ein Zwischenreich, in dem man sich seines eigenen Lebendig-Seins versichern muss?
Das ist eine zentrale Frage: „Wo verorte ich diese Zustandsbeschreibung: Ich lebe?“ Der Film handelt vor allem davon, wie schwer es ist, diesen Ort zu finden. Weil das Ensemble, das um uns herum konstruiert wird, immer mehr darauf ausgerichtet ist, uns dem Ensemble anzupassen statt uns die Unebenheiten entdecken zu lassen. Und verrückterweise, glaube ich, sind wir Menschen durchaus dazu konditioniert, uns diesen Prozessen zu unterwerfen. Da ist auch etwas Lustvolles dran, eine Art von Drogeneffekt. Das ist ein Reflex, den man als Kind schon lernt: ein Muster erkennen und es dann wiederholen können, ist erstmal lustvoll und wird nur auf lange Sicht ein bisschen stupide, wenn dann sozusagen die freien Radikalen fehlen, der störende Stich von der Seite ... Es ist natürlich idiotisch, unser Hauptdarsteller könnte in Kairo oder Hongkong jederzeit einfach um die Ecke gehen und eine völlig neue Erfahrung machen. Aber er hat schon längst Ängste, von denen er nicht weiß, dass sie ihn dominieren: nämlich vor einer Situation zu stehen, die er nicht kennt und in der ihn vielleicht tatsächlich eine gewisse Handlungsunfähigkeit überkommt.