MIT PETER JORDAN, ANDREAS HOFER, ANDREJA SCHNEIDER, ALEXANDER KHUON, ARND KLAWITTER DREHBUCH WOLFGANG BECKER, JAN-OLE GERSTER KAMERA JÜRGEN JÜRGES BVK SZENENBILD ULRIKA VON VEGESACK KOSTÜMBILD MONIKA JACOBS CASTING SIMONE BÄR SCHNITT PETER R. ADAM ORIGINALMUSIK CHRISTIAN STEYER MISCHUNG MARTIN STEYER

ZUM FILM
Hochbetrieb in der Deutschlandklinik: Suboptimales Humankapital, Defekte im moralischen Flexibilitätszentrum oder sozialverträglichen Frühableben, geplatzte Subventionsblase. Im Logopädie-Saal laufen die Patienten durcheinander und wiederholen unentwegt ihre Merksätze, nur dem Ruck-Patienten will die neue Sprache nicht so recht über die Lippen. Auch er ist ja Deutschland, aber da ist einfach kein Ruck, der durch ihn geht. Derweil streitet die Ärzteschaft über die Therapie, aber was ist die Diagnose? Veritabler Sozialinfarkt oder nur ein temporärer Umverteilungsschock? Amputation der Lohnnebenhöhlen oder hilft schon etwas Subventionsadrenalin? Dr. Katelbach, der Spezialist, bleibt verschwunden, denn jeder muss ihn für sich selbst finden. Die Telefonzentrale vermittelt emsig in die Warteschleife. Da erklingt, wie aus weiter Ferne, ein altes, zartes Lied, und der Betrieb gerät ins Stocken...

WOLFGANG BECKER
Geboren 1954 in Hemer, Westfalen. Studium der Germanistik, Geschichte und Amerikanistik an der FU Berlin, anschließend Filmstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Wolfgang Beckers Abschlussfilm SCHMETTERLINGE (1987) gewann u.a. den Studenten-Oscar und den Goldenen Leoparden des Filmfestivals in Locarno. Es folgten der Tatort BLUTWURSTWALZER (1991) und das Drama KINDERSPIELE (1992, u.a. Preis der Deutschen Filmkritik). Nach Gründung der X Filme Creative Pool, deren Gesellschafter er ist, entstand zunächst DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE, der im Wettbewerb der Berlinale 1997 Premiere feierte und u.a. mit drei Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet wurde. 2003 folgte GOOD BYE, LENIN!, der u.a. neun Deutsche Filmpreise und sechs Europäische Filmpreise erhielt. Nach mehreren Kurzfilmen arbeitet Wolfgang Becker derzeit an einem neuen Spielfilmprojekt.

INTERVIEW MIT WOLFGANG BECKER

„Krankes Haus“ zeigt ein Deutschland in desolatem Zustand. Ist die Lage der Nation wirklich so verzweifelt?
Es gibt ein Zitat von Heiner Müller, das auf die momentane Situation hervorragend passt: „Optimismus ist nur ein Mangel an Information.“ Genau genommen geht es in meinem Film ja weniger um die vielen Probleme der deutschen Gesellschaft, die ja teilweise deckungsgleich mit den Problemen anderer Gesellschaften sind – und im Vergleich zu Ländern der Dritten Welt natürlich immer noch Luxusprobleme. Es geht vielmehr darum, wie speziell Politik und Eliten mit diesen Problemen umgehen. Wie unvollkommen die „Therapie“ dieser Probleme ist, wie schönfärberisch, ja verlogen Sprache eingesetzt wird. Spindoktoren reden die Probleme zunächst erstmal klein, indem sie Begriffe erfinden, die das eigentliche Probleme verharmlosen bis verschleiern. Aus Krieg wird Vorwärtsverteidigung, aus Kündigung die sozialverträgliche
Stellenfreisetzung. Die Liste der verbalen Nebelgranaten, mit denen das Gemeinwohl sturmreif geschossen werden soll, wird täglich länger. Diese Euphemismen und ihr geschickter Einsatz sind einer der zentralen Aspekte des Films.

Und es wird deutlich darauf hingewiesen, dass es in Deutschland starke Lobbys gibt, die alle Kanäle benutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Nicht nur die Politiker – oder besser: Parteien- Lobbyisten – verlagern den politischen Diskurs vom Bundestag, dessen Plenum sogar bei wichtigen Debatten erschreckend leer ist, in Polit-Talkshows. Dort sind häufig auch scheinbar unabhängige Experten eingeladen, die – wovon der Zuschauer nichts erfährt – auf den Gehaltslisten der ISNM, der Bertelsmann-Stiftung oder anderen Interessensverbänden der deutschen Eliten stehen. Bezahlte Mietmäuler, die uns mit ihren Globalisierungs-Mantras bombadieren, um damit den massiven Abbau des Gemeinwohls,
die Demontage der sozialen Marktwirtschaft voranzutreiben.

Allerdings vergeht derzeit kaum ein Tag ohne Politiker-Bekenntnisse zum Gemeinwohl und zur sozialen Marktwirtschaft...
Der Film ist zu einem Zeitpunkt entstanden, als die Folgen des Kasino-Kapitalismus noch längst nicht so bekannt und absehbar waren wie jetzt, wo wir vor dem Scherbenhaufen dieser kolossalen Raffgier stehen. Dieselben Politiker, die damals bereitwillig den Milton-Friedman-Mantras gefolgt sind, allen voran der These, dass der Markt sich selbst reguliert, erinnern sich heute wieder gern und heftig an das Gemeinwohl. Nur die FDP macht da nicht mit, aber die saß schon immer zwischen den Stühlen auf ihrem Sessel.

Was bewirken diese Euphemismen?
Ein einfaches Beispiel, die DDR, zu der ja hier im Westen viele ein fest zementiertes Verhältnis haben, ein ganz klares Gut-und-Böse, Falsch-und-Richtig-Denken: Im Zusammenhang mit der Stasi z.B. fallen immer deutliche Wörter wie bespitzeln, schnüffeln, unter Druck setzen usw. Jetzt erleben wir, dass die Deutsche Bahn ihre Mitarbeiter ausspioniert hat, und die Spin-Doktoren im Turm der Deutschen Bahn lassen sich Begriffe einfallen wie “Datenabgleich“ oder “Scannen der Mitarbeiter“. Ich fände es sehr interessant, wenn man diese Terminolgie auf die Stasi anwenden würde: Dann hat die Stasi also einen “Datenabgleich der DDRBürger“ oder ein „Bürger-Scanning“ vorgenommen. Das Beispiel macht sofort klar, wie verlogen diese Sprache ist. Das Schlimme ist, dass sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen von der Tagesschau bis zur Heute-Sendung bruchlos diese Begriffe übernimmt, und auf einmal reden alle nur noch von “Datenabgleich“ statt einfach von mieser Schnüffelei, die es ja in Wirklichkeit war.

Am Jahresende veröffentlichen die Autoversicherer immer die besten Ausreden, die von Versicherten benutzt wurden, um Fahrfehler zu kaschieren. Meine Lieblings-Ausrede geht sinngemäß so: „Der Telegrafenmast näherte sich mir mit überhöhter Geschwindigkeit. Obwohl ich einen Zick-Zack-Kurs einschlug, traf er mich am Kühler.“ Das ist genau der Satz, der vieles von dem darstellt, was wir heute täglich erleben. „Notleidende Banken“ reden auf einmal von “toxischen Wertpapieren“. Politiker, die es eigentlich besser wissen müssten, sind „von der unvorhersehbaren Entwicklung völlig überrascht“. Auf einmal sind alle Opfer, und sogar die, die das Wirtschaftssystem der Welt an den Rand des Abgrunds führen – wir sind ja längst noch nicht über diese Krise hinweg – sind über Nacht notleidend geworden. Darum geht es in „Krankes Haus“: Wie man Tatsachen weglügt. Ein Spindoktor würde sagen: Wie man bei Tatsachen moralische Flexibilität beweist.

Wie sind sie auf den Drehort gekommen, der in seiner Ruinenhaftigkeit sehr zum surrealen Eindruck von „Krankes Haus“ beiträgt?
Im Mai war ich zufällig zu einem Picknick auf dem Gelände der alten Beelitz-Heilstätten. Als ich mir die angeschaut habe, habe ich gedacht, dass das eigentlich genau die richtige Kulisse wäre, um eine völlig surreale Krankenhausserie zu drehen. Und dann wuchs quasi über die Bilder, über einzelne Drehorte, die Idee zu dem Drehbuch und den verschiedenen Szenen. Das Drehbuch ist sozusagen einer Ruine auf den Leib geschrieben worden.